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Anarchie in Kuba

By   /  31. August 2018  /  No Comments

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„Freiheit ohne Gleichheit ist ein Dschungel, Gleichheit ohne Freiheit ein Gefängnis“, so eine anarchistische Grundaussage, die wohl besonders in Kuba Wirkung entfaltet. Eva Schörkhuber und Andreas Pavlic haben auf ihrer Reise nach Kuba die Gruppe Taller Libertario Alfredo López besucht. Erkenntnis 1: Auch Anarchist_innen betreiben Crowdfunding. Erkenntnis 2: Besonders mit ihrem Engagement für Bildung und Autonomie erinnert die Gruppe an einen frühen Anarchismus, der auf der ganzen Welt gegen das Elend der Arbeiter_innen auftrat und die ersten sozialen Errungenschaften ermöglichte.

Es ist ein warmer Tag im Januar. Ein strahlend blauer Himmel spannt sich über Havanna. Wir machen uns auf den Weg, gehen die prächtige Steintreppe hinauf, die zum Haupteingang der Universität führt. Wir halten inne, sehen uns um. Von keiner der Personen, die hier sitzen, nehmen wir an, dass sie unsere Kontaktperson ist. Eine Gruppe in Militäruniformen geht an uns vorbei, zwei Männer und zwei Frauen. Am Ende der Treppe wartet ein Auto, sie steigen ein. In diesem Moment biegt ein Mann in gelbem T-Shirt um die Ecke und steigt die Treppen hoch. Kein Zweifel, das ist Mario. Wir begrüßen uns herzlich. Dann nimmt das Gespräch seinen Lauf, wir unterhalten uns über die anarchistische Gruppe, deren Mitglied Mario ist, über die Geschichte des Anarchismus auf Kuba und auch darüber, dass Marios Tochter, die in die erste Klasse geht, Fidel Castro für ihren Großvater hält: Im Fernsehen sei eine Archiv-Aufnahme von einer der Reden Castros ausgestrahlt worden und seine Tochter habe gerufen: „Schau Papa, das ist Opa!“ Er habe nicht sofort verstanden, aber dann habe seine Tochter erzählt, dass in der Schule stets von Fidel Castro als dem großen Vater Kubas die Rede gewesen sei. Einiger Zeit habe es bedurft, um seiner Tochter klar zu machen, dass Castro nicht ihr richtiger Opa sei. Wir lachen, alle drei, dann wird Mario ernst: „Ein Schulsystem, das vorwiegend Staatspropaganda vermittelt, ist untragbar.“ Schließlich fragen wir ihn, ob es wirklich Zufall gewesen sei, dass die Militärgruppe verschwunden und er aufgetaucht sei. Mario winkt ab. Zurzeit sei es nicht so gefährlich, „wir können in Ruhe arbeiten – momentan.“

„We do not feel shame to be anarchists“
Und zu tun gibt es genug. Über eine Crowdfundig-Kampagne haben wir von der anarchistischen Gruppe erfahren. Taller Libertario Alfredo López (Libertärer Workshop Alfredo López) hat einen internationalen Spendenaufruf gestartet, um Geld für die Errichtung eines Sozialen Zentrums in Havanna zu sammeln. „Unser Aktivismus ist nicht so, wie ihr es euch vielleicht vorstellt und wie es in Europa oder in den USA gehandhabt wird“, erzählt Mario, „wir wollen uns nicht als die Bad Guys in schwarzer Kleidung präsentieren.“ Es gehe nicht darum, in direkte Konfrontation mit dem Staat zu gehen, da würde die Repression sofort zuschlagen. Wesentlich für die Gruppe sei es, Kontakt zu den Menschen aufzubauen und zu zeigen, dass es in ihrer Hand liegt, die Wirklichkeit zu transformieren.

Hervorgegangen ist Taller Libertario Alfredo López (TLAL) aus dem Netzwerk Observatorio Critico. Von 2003 an wurden seitens des kubanischen Kulturministeriums jährlich Treffen initiiert, bei denen Künstler_innen, Wissenschafter_innen und Aktivist_innen über die gegenwärtige Situation im Land diskutierten. Die Themen waren Bildung, Umweltverschmutzung, Gender. Jahr für Jahr wurden kritischere Positionen eingenommen. Die Leute hatten das Gefühl, frei sprechen zu können, obwohl die Organisation unter der Kontrolle des Kulturministeriums stand. 2010 stellte es die Koordination ein, die Mitglieder des Netzwerkes mussten nun allein weiterzumachen. Am 1. Mai 2010 fand das erste Treffen des TLAL statt. „Wir haben beschlossen, uns als Anarchist_innen zu organisieren – we do not feel shame to be anarchists.“ Von da an wurden regelmäßig Präsentationen und Diskussionen organisiert, Infomaterialien zusammengestellt, die Zeitschrift Tierra Nueva herausgegeben und an der Realisierung eines Sozialen Zentrums in Havanna gearbeitet.

„… das ist die Idee von Autonomie“

Das nächste Treffen mit Mario findet eine Woche später statt. Gemeinsam machen wir uns auf den Weg zu dem Haus, in dem das Soziale Zentrum entstehen soll. Wir durchqueren die Höfe der Universität und steigen in einen Bus. 45 Minuten lang fahren wir weg vom Zentrum hinauf in die Hügel von Havanna. Lawton heißt das Barrio, das von ehemaligen Zuckerbaronen gegründet und im typischen Kolonialstil errichtet wurde. Wir sehen Häuser mit vorgelagerten kleinen Terrassen, einige in kräftigen Farben gestrichen, viele jedoch grau und ramponiert. Im Bus treffen wir zufällig Isbel, der ebenfalls bei TLAL aktiv ist. Zu viert steigen wir die Straße hinunter, Isbel erzählt, dass die Crowdfunding-Kampagne rasch erfolgreich gewesen sei, dass sie das Haus mittlerweile gekauft hätten und sich darauf freuten, das Zentrum zu eröffnen: „Allerdings steht uns noch viel Arbeit bevor, wir müssen das Haus einrichten und Kontakte zur Nachbar_innenschaft knüpfen. Wir wollen soziales Vertrauen aufbauen, das es für eine Gemeinschaft braucht, das ist die Idee von Autonomie.“ Wichtig sei es, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und nicht darauf zu warten, dass der Staat alles für eine_n erledige. „Das tut er sowieso nicht“, Mario grinst und zeigt auf die überbordenden Mülltonnen am Straßeneck, „das könnte mit vereinten Kräften ganz schnell beseitig werden.“ „Und hier zum Beispiel ließe sich wunderbar Gemüse anbauen“, meint Isbel und deutet auf die Grünfläche zwischen den Treppen, auf denen wir das schmale Gässchen hinabsteigen. Vor dem Haus warten David und Antonio auf uns und schließen das Gartentor auf. Ein schmaler Gang führt zur Tür ins Erdgeschoss, eine Betontreppe auf die Terrasse, über die eine_r ins Obergeschoss gelangt. Wir steigen hinauf. „Hier soll ein Versammlungsort sein und hier drinnen – “, Mario öffnet die Tür, „wollen wir eine Bibliothek einrichten.“ Bevor wir eintreten und uns auf den Boden der zukünftigen Bibliothek setzen, zeigt David auf eines der angrenzenden Häuser: „Dort drinnen befindet sich das CDR (Comité de la Defensa de la Revolución, das Komitee zur Verteidigung der Revolution), das ist schräg, dass wir direkt neben diesen Überwachungsorganen unser Zentrum eröffnen.“ „Ja“, seufzt Isbel, „der Anarchismus hat es auf Kuba nie leicht gehabt …“

Von Alfredo López bis zur Kubanischen Revolution
Wie in den meisten Ländern des amerikanischen Kontinents existierte um die Jahrhundertwende eine Arbeiter_innenbewegung, die stark von anarchistischen und syndikalistischen Ideen geprägt war. Der Fokus lag nicht auf Parteiwesen und Wahlen, sondern auf Aufklärung, Bildungs- und Erziehungswesen und vor allem auf der gewerkschaftlichen Organisation in den Betrieben. So auch in Kuba. Dort kam es 1924 zur Gründung der „Federación de Grupos Anarquistas de Cuba“, ihr wichtigstes Organ war die Zeitung Tierra!, die bis in die späten 30er Jahre erschien und Vorbild für die aktuelle Tierra Nueva ist. Im gleichen Jahr wurde auch die „Confederación Nacional Obrera de Cuba“ (CNOC) gegründet, eine Arbeiter_innenföderation, die 128 Organisationen mit insgesamt 200.000 Menschen vereinigte. Sie forderte den Acht-Stunden-Tag und lehnte den Parlamentarismus ab. Generalsekretär der CNOC wurde der Schriftsetzer und Anarchist Alfredo López. Wegen wirtschaftlicher Not und hoher Arbeitslosigkeit kam es immer wieder zu Streiks und Protesten, der seit 1925 amtierende Präsident General Machado reagierte mit verstärkter Repression gegen die organisierte Arbeiter_innenschaft. Korruption und die koloniale Abhängigkeit gegenüber der USA verstärkten das soziale Elend. Im Herbst 1926 verschwand Alfredo López. Zuvor hatte er einen Regierungsposten abgelehnt, um unabhängig im Kampf für Arbeiter_innenrechte zu bleiben. Die Überreste seiner Leiche wurden erst nach dem Sturz Machados 1933 gefunden. Kaum hatte sich die Bevölkerung den einen Diktator vom Hals geschafft, kam der nächste – Sergeant Fulgenico Batista: ein Armeeangehöriger aus der zweiten Reihe, der zunächst das Kommando im Militär übernahm, bis er sich 1940 mit Hilfe der Kommunistischen Partei an die Macht wählen ließ. 1944 wurde er abgewählt, acht Jahre später kam er mit Hilfe der USA wieder an die Macht. In den 50er Jahren wuchs mit dem charismatischen Studenten Fidel Castro sein gefährlichster Gegenspieler heran. Vieles, was sich in dieser Zeit ereignete, wurde zur Legende: Der gescheiterte Angriff auf die Moncada-Kaserne am 26. Juli 1953 (deswegen M-26 bzw. Bewegung 26. Juli); Fidels Verhaftung und seine Verteidigungsrede, in der er den Satz „Die Geschichte wird mich freisprechen“ formulierte; sein Exil in Mexiko und das Zusammentreffen mit Che Guevara; die gewagte Überfahrt mit der Yacht „Granma“; die katastrophale Landung, bei der die Batista-Armee einen Großteil der Gueriller@s tötete; die Flucht in die Wälder der „Sierra Maestra“; der Beginn des Guerillakampfes bis zu dem triumphalen Einzug in Havanna Ende 1959.

Kaum bekannt ist, dass die revolutionäre Bewegung 26. Juli (M-26-7) zwar von Fidel Castro ins Leben gerufen, aber von verschiedenen Fraktionen unterstützt und getragen wurde. Darunter waren katholische Organisationen, liberal-demokratische, sozialrevolutionäre und auch anarchistische. Geeint wurden sie in der Ablehnung der Batista-Diktatur und dem Programm, das neben einer Landreform, eine Sozialreform und eine liberale Verfassung vorsah. Die Revolution selbst wurde anfangs von vielen als Befreiung gesehen. Castro verkündete noch im April 1959: „Wenn auch nur eine Zeitung verboten wird, wird sich bald keine Zeitung mehr sicher fühlen – und wenn auch nur ein einziger Mensch wegen seiner politischen Ideen verfolgt wird, wird sich niemand mehr sicher fühlen.“ Doch die Zeit für Widersprüche und Kritik war bald vorbei. Der Einfluss der Kommunistischen Partei wurde zusehends stärker. Einige hochrangige Gueriller@s, wie auch die anarchistischen Gruppen zahlten für ihre Ablehnung und die Bekämpfung des neuen Regimes einen hohen Preis. Viele wurden inhaftiert, gefoltert und ermordet. Wer konnte, ging ins Exil.

„Auch von unseren Genoss_innen haben viele das Land verlassen“, meint Mario. „Sie wollen andere Länder kennen lernen und sich woanders ein Leben aufbauen.“ Isbel fügt hinzu: „Schon das alltägliche Leben hier ist schwierig. Aber wir wollen die aktuellen Veränderungen hier von einer antikapitalistischen Perspektive aus kritisieren. Wir machen weiter.“ Am 05. Mai 2018, acht Jahre nach der Gründung der TLAL, wurde das Soziale Zentrum in Havanna eröffnet.

 

Hinweis auf die 2-teilige Fernseh-Dokumentation: Kein Gott, kein Herr! Eine kleine Geschichte der Anarchie Textauszug der Doku: „Vom Aufstand der Pariser Kommune 1871 bis zur Gründung der ersten großen Gewerkschaften, von der Entstehung libertärer Milieus mit alternativen Lebensentwürfen bis hin zur Einrichtung freier Schulen: Die anarchistische Bewegung hat die ersten Revolutionen angestoßen und gehört zu den entscheidenden Triebkräften großer sozialer Errungenschaften. Trotz dieser positiven Aspekte, hat der Anarchismus zweifelsohne seine Schattenseiten: Viele seiner Anhänger rechtfertigen den Einsatz von Waffen und Gewalt. Die zweiteilige Dokumentation beleuchtet von Frankreich über Japan bis nach Chicago und Buenos Aires die Ursprünge dieser politischen Philosophie und porträtiert die geistigen Väter der anarchistischen Bewegung wie etwa Pierre-Joseph Proudhon oder Michail Bakunin.“

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Eva Schörkhuber, lebt und arbeitet als Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin in Wien. Andreas Pavlic, Schriftsteller und Gemeinwesenarbeiter, Wien.

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