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Aircheck Not To Disappear

By   /  31. August 2018  /  No Comments

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Eine Sendereihe, die das Verschwinden von Frauen in den Raum stellt, läuft aktuell noch auf Radio Fro und Dorf TV. Sandra Hochholzer reflektiert nach vier gelaufenen Sendungen und eröffnet mit einer Ansage.

 

Lass mich jetzt mal mit meinem Selbstbewusstsein deine Kompetenz in Frage stellen.

Im Studio: Gabriele, Kepplinger, Julia Pühringer und Jelena Pantic-Panic. Foto Daniela Banglmayr

Im Studio: Gabriele, Kepplinger, Julia Pühringer und Jelena Pantic-Panic. Foto Daniela Banglmayr

Eben mit diesem provokanten Satz hat Jelena Pantic-Panic (Leiterin des Kulturressorts beim Magazin biber) eine Situation auf den Punkt gebracht, die nicht nur für den Bereich des Journalismus die Geschlechterrivalität in der Berufswelt gut darstellt. „Männer beanspruchen Deutungshoheit“, setzt sie ihre Aussage fort. Sie war zu Gast im Studio von Radio Fro und eingeladen, mit weiteren Gästen über das Verschwinden von Frauen aus ihrem Karriereweg, sprich von unterbrochenen oder abgebrochenen Karrierewegen, zu diskutieren – mit Fokus in dieser Sendung auf die Situation von Journalistinnen und unter dem Titel „Warum die Blattlinie Männersache bleibt und vom Verschwinden der Frauen in den Medien“. Eine von fünf Sendungen, die ihren Blick jeweils auf unterschiedliche Sparten werfen, um herauszufinden, wo denn sinnvoll an den gesellschaftspolitischen Schrauben gedreht werden müsse. Denn gesetzlich hat sich seit dem ersten Frauenvolksbegehren (1998) einiges getan. Ungleichheiten wurden gesetzlich beseitigt. Bleibt die Frage: Das Gesetz hindert und behindert Frauen also nicht mehr?

Durchschnittlich bekommt eine Frau in Österreich 1,4 Kinder, bei Journalistinnen sind es nur 0,5. Ausschlaggebend sind hier bestimmt nicht nur begrenzte Öffnungszeiten im Kindergarten, sondern es wird sehr stark auf die karrierefördernde Netzwerkarbeit verwiesen, die im Journalismus, aber ebenso in der Wissenschaft oder auch im Kunstbetrieb einen hohen Stellenwert einnimmt und die oft für Mütter nur bedingt alltagstauglich ist. Abends noch schnell auf ein Bier mitgehen, ist für Frauen mit Kindern viel unrealistischer als für Männer. Die Teilnahme an Abendveranstaltungen lässt sich viel mühsamer organisieren und auch nicht ständig. Selbst sehr engagierte Väter gestalten ihre Praxis einfach anders als Frauen. Männer planen die Zeit für sich selbst viel selbstverständlicher in ihren Alltag ein. Da wird, was auch immer, abseits von Anwesenheitspflichten nicht einfach zugunsten der Familie regelmäßig abgesagt oder überhaupt darauf verzichtet. So ist und bleibt die Kinderbetreuung ein wichtiges Thema, das hauptsächlich bei der sorgenden Mutter bleibt. Diese wird dem männlichen Machtstreben als Gegenpol gegenübergestellt. Ein Bild, das übrigens weit aus der Geschichte stammt, bringt die Historikerin Kathrin Quatember ein.

Die sorgende Mutter ist vor allem im Kopf der sorgenden Mutter und damit gesellschaftlich extrem verankert. Das ist kein Spaziergang, sowas zu verändern, zumal konservative Geschlechterbilder wieder auf dem Vormarsch sind und die Geschlechterordnung politisch wieder neu umkämpft ist. Der Umbau der Wohlfahrtsstaaten betrifft oft gerade Frauen sehr stark. Die Frauenförderung wird dem Wettbewerb der besten Köpfe, also der sogenannten Excellence, untergeordnet. Stattdessen sollte Arbeit neu bewertet und neu verteilt werden. Julia Schuster, Soziologin vom Institut für Genderstudies in Linz, fordert in diesem Zusammenhang Mut, um über neue Modelle nachzudenken. Die politische Situation in Europa lässt die Gleichstellung momentan nicht weiterblühen.

Aber ich möchte die Diskussion gar nicht nur auf Kinder beschränken und nochmals zur Aussage von Jelena Pantic-Panic zurückkommen. „Lass mich jetzt mal mit meinem Selbstbewusstsein deine Kompetenz in Frage stellen“. Sie spricht damit ganz dezidiert die Praxis in vielen Medienhäusern an und meint damit die immer noch sehr oft anzutreffende und leider viel zu selten offene Missachtung findende überhebliche Haltung von männlichen gegenüber weiblichen Kolleg*innen. Auch unterstreicht sie die Vorbildfunktion von Medienhäusern und die damit verbundene Verantwortung.

Dazu ein kleiner Ausflug. Ich lese momentan das Buch „Kultur der Digitalität“ von Felix Stalder. Darin arbeitet er einleitend die Rahmenbedingungen heraus, die die Wege in die Digitalität gestalten und macht dabei auch interessante Analysen der Vergangenheit: „Schaut man sich heute Fernsehdiskussionen aus den fünfziger und sechziger Jahren an, fällt einem nicht nur auf, wie genüsslich im Studio geraucht wurde, sondern auch, wie homogen das Teilnehmerspektrum war. Meist sprachen weiße, heteronorm agierende Männer miteinander, die wichtige institutionelle Positionen in den Zentren des Westens innehatten. Vor allem sie waren legitimiert in der Öffentlichkeit aufzutreten, ihre Meinung zu artikulieren und diese von anderen als relevant, anerkannt und als diskutiert zu sehen. Sie führten die wichtigen Debatten ihrer Zeit.“

Ist es heute anders? Wenn ich Ö1 höre, kann ich bestätigen, dass weiße, gut ausgebildete, erfolgreiche, vermutlich besserverdienende Frauen auch Interviews dazu geben, wie die Welt am besten funktioniert und wie vor allem sie selbst immer alles richtiggemacht haben und sich insofern auch selbst als rundfunkwürdig betrachten. Im Zusammenhang mit Stalders Geschichts-Exkurs ein sichtbarer Fortschritt. Für die gesellschaftliche Gegenwart aber eine Entwicklung, die noch viel Platz für Entfaltung lässt.

Diese soeben bemängelte Entfaltung glückt den Freien Medien durchaus besser, der Weitblick im Umgang mit den vielen unterschiedlichen Akteur*innen ist hier vermutlich einfach weniger beladen von Alt-Hergebrachtem und es entstehen dabei, meiner Ansicht nach, lebensnähere/authentischere Produktionen. Oder wie es Felix Stalder nennt: „Die Erweiterung der sozialen Basis der Kultur“.

Und so ist es auch 2018 noch immer bemerkenswert, wenn eine Moderatorin und ihre ausschließlich weiblichen Gäste im Studio vor laufender Kamera und live im Radio eine Stunde lang ihre Sicht der Dinge darlegen.

Es ging vier Mal eine Stunde lang auch um Männer, sogar um Kinder, um Kultur, um Politik, um Wissenschaft, um Medien und um die Fragen, warum und wohin sie denn verschwinden, die Frauen, die auf der Uni noch vorn dabei waren und dann ein paar Jahre später ihre Karriere auf Sparflamme gestalten und die erste Reihe meiden? Ein gut abgestecktes Spektrum relevanter Aspekte und Entwicklungen, die die Situation gut vergegenwärtigen und auch bezüglich einem hoffentlich bald eingeleiteten Frauenvolksbegehren die Forderungen sichtbar und hörbar machten.

NOT TO DISAPPEAR! – eine pure Übertreibung?
Daniela Banglmayr hat sich vorgenommen, fünf Sendungen (auf Radio Fro & Dorf TV, unterstützt von der Gesellschaft für Kulturpolitik) zu gestalten. Sie stellt tatsächlich das Verschwinden der Frauen in den Raum. Aber ist das so, ist das vielleicht doch pure Übertreibung? Nun, Übertreibung ist ja in vielen Bereichen eine notwendige Strategie, um überhaupt ein Ohr zu bekommen. Und so viel kann ich festhalten – die Notwendigkeit, weiter über die Rolle der Frauen in der Gesellschaft öffentlich zu reflektieren ist mehr als gegeben und die Notwendigkeit, Strategien auszubaldowern und sichtbar und hörbar zu machen, wann immer es die Möglichkeit dazu gibt, ebenfalls!

Die nächste und diesbezüglich vorläufig letzte Gelegenheit Daniela Banglmayr und ihren Gästen live beim Baldowern zuzuhören und zuzusehen gibt’s am 21. September 2018 um 17 Uhr auf Radio Fro 105,0 MHz und in der Folge auf Dorf TV zum Nachsehen. Sandra C. Hochholzer arbeitet weltumspannend für weltumspannend arbeiten und Radio Fro und entwickelt und leitet Bildungs- und Medienprojekte.

 

Alle Sendungen zum Nachhören: cba.fro.at und www.fro.at
Alle Sendungen zum Nachsehen: www.dorftv.at
Suchwort: not to disappear

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arbeitet weltumspannend für weltumspannend arbeiten und Radio Fro und entwickelt und leitet Bildungs- und Medienprojekte.

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